Last Update 09.01.2009 18:06 Uhr

Fahrbericht Aprilia RSV Mille Tuono Modell 2002


DONNERWETTER

Fahrbericht Aprilia RSV Mille Tuono Modell 2002
Im Zeichen des Sports: Unsere Test-Tuono war mit dem Racing-Topf, dem Zentralfederbein von Sachs-Boge und dem verstellbaren Öhlins-Lenkungsdämpfer ausgestattet.
Technische Daten:
Technische Daten:
Motor: Wassergekühlter 60°-V2-Viertakter, DOHC (Nockenwellen über Kette/Zahnrad-Kombination angetrieben, Ventile direkt über Tassenstößel und Shims betätigt), 4 Ventile/Zylinder, Bohrung x Hub 97 x 67,5 mm, 998 ccm, Verdichtung 11,4:1, doppelte Ausgleichswelle (AVDC), Trockensumpfschmierung, elektronische Benzineinspritzung, Saugrohr-ø 51 mm, Mehrscheiben-Ölbadkupplung mit servo-unterstützter Hydraulikkontrolle, 6 Gänge, Sekundärtrieb über Kette, 126 PS bei 9500/min, 101 Nm bei 7250/min. Abgasreinigung über U-Kat

Fahrwerk: Alu-Brückenrahmen mit doppelten Unterzügen und verschraubtem Rahmenheck, Showa-USD-Gabel ø 43 mm, Federvorspannung, Zug- und Druckstufe einstellbar, hinten Alu-Schwinge mit unterschiedlich geformten Hälften, Sachs-Boge-Zentralfederbein, Federbasis, Zug- und Druckstufe einstellbar. Federwege 120/135 mm. Vorne Brembo-Doppelscheibenbremse, ø 320 mm, Vierkolbensättel mit je zwei Belägen, hinten Scheibenbremse, ø 220 mm, Zweikolbensattel, vorn und hinten Stahlflexleitungen, Leichtmetallgussräder 3,5" (vorn) und 6,00" (hi.), Bereifung 120/70-17 und 190/50-17 (alternativ 180/55-17)

Abmessungen: Radstand 1415 mm, Nachlauf 99 mm, Lenkkopfwinkel 65°, Sitzhöhe 820 mm, Gewicht (fahrfertig) 215 kg, Tank 18 Liter, davon 4 Liter Reserve

Praxis: Höchstgeschwindigkeit 244 km/h, Beschleunigung 0-100 km/h in 3,0 Sekunden, Verbrauch 7,2 Liter Super bleifrei / 100 km, lieferbare Farben: Tulip-Rot und Magnet-Grau

Preis: € 11 999.-

vergleichsweise wenig Vibrationen. Nur dezente Schwingungen begleiten den Fahrer auf dem Weg durchs breite nutzbare Drehzahlband. Der Lärm dämmende Wassermantel der Flüssigkeitskühlung hält die mechanischen Laufgeräusche im Rahmen. Abgerundet wird der ausgereifte Eindruck schließlich von der patentierten, servo-unterstützten Kupplung, kurz PPC (Pneumatic Power Clutch), die den Fahrer selbst bei derben Fahrmanövern nicht mit einem großen Rückdrehmoment überrascht. Sauber bleibt das Hinterrad auch beim harten Runterschalten und gleichzeitigen Bremsen in der Spur. Kein Stempeln stört den dynamischen Fahrfluss. Mit herzerfrischendem Zweizylinder-Pulsschlag schiebt die Aprilia aus den Ecken, lässt das Vorderrad bei voll geöffnetem Querschnitt nur allzu gern gen Himmel steigen. Böses Lenkerschlagen unterbindet der aufpreispflichtige, dafür allerdings einstellbare Lenkungsdämpfer bereits im Ansatz. So lässt es sich gefahrlos auch über mit Hügeln und Kuppen gespicktem Geläuf pflügen. Gegenüber der Mille wirken die um satte 17 Zentimeter höher liegenden Lenkerenden wie ein riesiger Hebel, der die Front beim harten Beschleunigen schneller leicht werden lässt. Durch das traumwandlerische Handling und die leicht nach vorn gebeugte Sitzposition stört das entgegen den ersten Erwartungen jedoch nicht weiter. Zumindest solange man nicht auf der Rennstrecke um die letzte Zehntelsekunde kämpfen muss. Aber dafür gibt´s ja bekanntlich die Mille. Dank der 80 Zentimeter breiten Segelstange lässt sich die Tuono unglaublich spielerisch von eine in die andere Schräglage werfen, so wie man es bislang noch mit keiner andere Großserien-Tausender auf diesem Planeten erlebt hat. Große Worte, meinen Sie? Nein, Tatsache! Wahr ist jedoch auch, dass wer gern am Quirl dreht, anschließend nicht über einen Verbrauch von knapp 9 Litern bleifreien Superbenzin klagen sollte. Im Durchschnitt begnügt sich die Aprilia mit 7,2 Litern je 100 km, minimal spritzten die Düsen 5,3 Liter auf der Prüfdistanz ein. Eine leichte Gänsehaut verursacht auch das Kaltstartverhalten des elektronischen Motormanagements. Dabei regelt die Elektronik die Leerlaufdrehzahl anfangs in ungesunde Drehzahlregionen. Wer weniger Sekunden später den ersten Gang einlegt, wird mit einem martialischen Klock mit einer Hörweite von nicht unter 50 Metern bestraft. Dafür ist der Windschutz der rahmenfest montierten Verkleidung überraschend effektiv und leitet die anströmenden Luftmassen nicht unkontrolliert auf das Haupt des Fahrers. Vom entspannten über den sportlich geduckten Fahrstil, spektakulärem Hanging off bis hin zu zaghaften Supermoto-Ansätzen scheint mit der Tuono alles möglich. Ungeheuer zielgenau lenkt die Aprilia ein, kein Kippeln übers Vorderrad, auch auf das Aufrichten beim beherzten Hineinbremsen in Kurven wartet man vergeblich. Neutralität kann auch der Hinterhand attestiert werden, die sich nicht durch ein linienversauendes Aufstellen über den 190er-Hinterreifen bei Bodenwellen negativ in Szene setzt. Ein dickes Lob geht gleichfalls an die Vierkolben-Brembo-Stopper der Gold-Serie, bei denen je zwei Pads die 320er-Bremsscheiben in die Zange nehmen. Bremsleistung und Dosierbarkeit sind nicht zu bissig und kommen dem sportlichen Alltagfahrer entgegen. Der wird früher oder später


Fahrbericht Aprilia RSV Mille Tuono Modell 2002
Like a winner: Gegenüber der Mille liegt der Lenker 17 Zentimeter höher. In Verbindung mit dem kompakten Fahrwerkslayout sorgt der ultraleichte Rohrlenker aus Ergal für ein superbes Handling.

Fotogalerie

Fahrbericht Aprilia RSV Mille Tuono Modell 2002
Haut rein: Die Vierkolben-Brembo-Zangen nehmen im Inneren zwei Bremspads auf und sind nicht gar so bissig wie die Vier-Pad-Version der Mille. Stahlummantelte Bremsschläuche vorn und hinten, ja sogar an der hydraulischen Kupplung.

übermütig, bremst immer später und legt das Gas am Kurvenausgang noch einen Tick früher an. Es will und will einfach nichts aufsetzen. Noch ein bisschen, und ... erst sehr spät beginnen die haftfähigen Metzeler M-1 Sportec-Reifen warnend wegzurutschen. Der Fahrer nimmt´s gelassen, korrigiert ein wenig – fertig. All das funktioniert so easy, dass man kleine Slides sogar freudig provoziert. Locker flutschen die Gänge auf der Geraden durch, wobei die hydraulische Kupplungsbetätigung nichts für allzu zartbesaitete Gemüter ist. Die Dosierung hingegen ist wunderbar. Besonders vorteilhaft, weil man diese in engen Kehren schon mal schleifen lassen muss, um die Motordrehzahl nicht unter 3.000 min-1 fallen zu lassen. Entschädigung gibt´s am Kurvenausgang, wenn beim Gasgeben wieder schwarze Striche die Asphaltdecke zieren. Doch genug jetzt der Heizerei. Der Gesundheit zu Liebe. Außerdem möchte ich die Aprilia in einem Stück wieder zurückgeben. Für den Fall der Fälle sorgen seitlich angebrachte Kunststoff-Schutzstopfen für präventive Kostensenkung bei 90°-Schräglage. Dass der in Bronze-Titan lackierte Alu-Brückenrahmen und geschraubtem Rahmenheck außerordentlich stabil ist, dürfte seit der Vorstellung der Mille bekannt sein. Ganz gleich ob mit 245 km/h über die Autobahn oder im Tiefflug über die schnellste Landstraße der Welt, der Nürburgring-Nordschleife – die Tuono wird ihrem Namen de facto gerecht und gibt sich selbst unter schwierigen Bedingungen wie der sprichwörtliche Donnerbolzen. Da es bei der Tuono eine ganze Menge einzustellen gibt, freuen wir uns über das gelungene Fahrwerkssetup. So sind die Showa-Upside Down-Gabel und das via APS (Aprilia Progressiv System) angelenkte, aus dem original Zubehörkatalog lieferbare Sachs-Boge-Zentralfederbein ebenfalls komplett verstellbar. Während sich achtern aufgrund der aufrechten Sitzposition und den dadurch weiter nach hinten gewanderten Schwerpunkt eine recht stramme Einstellung empfiehlt, kann man vorn getrost etwas softer abstimmen. Je nach Fahrergewicht stellen vier bis fünf sichtbare Ringe im Straßenbetrieb eine ausreichende Vorspannung der Federbasis dar. Auf glattgebügelter Piste darf´s dann auch etwas straffer sein. Ansprechverhalten und Dämpfungsreserven sind nicht zu straff und decken ein breites Spektrum ab. Die stattliche Sitzhöhe von 820 Millimetern und das leicht nach vorn abfallende Sitzkissen fördert eine konzentrierte Sitzhaltung. Wie von selbst winkelt der Fahrer die Arme leicht an, um aktiv am Geschehen teilzunehmen. Zum gemütlichen Bummeln taugt das weniger, bringt aber klare Pluspunkte bei sportlicher Gangart. Der schlanke Knieschluss verfehlt dabei seine Wirkung ebenfalls nicht und ermöglicht einen engen Kontakt zum Motorrad. Fahrer über 1,85 Meter Körperlänge monieren bei klassischer Sitzhaltung gelegentlich die Kante des 19-Liter fassenden Kunststofftanks, die beim Schalten Kontakt zum linken Oberschenkel bekommt und den Schaltfuß zeitweise blockiert. Abhilfe schafft eine etwas legerere Sitzposition mit leicht abgespreizten Beinen. Ein wenig Engagement und guten Willen erfordert auch das Erklimmen des Soziusplateaus. Wer keinen Fernsehsessel erwartet, kann sich mit den vorhandenen Platzverhältnissen recht gut arrangieren.


Fahrbericht Aprilia RSV Mille Tuono Modell 2002
Liebe zum Detail: Edle Technik, sinnvoll umgesetzt sieht nicht nur schön aus, sondern erfüllt in erster Linie einen ganz bestimmten Zweck. Die beiden Ansaugschnorchel befördern die anströmende, kühle Umgebungsluft unter zusätzlichem Druck in Richtung
Ulrich Hoffmann
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