Fahrbericht Aprilia RSV Mille Tuono Modell 2002
DONNERWETTER
 Im Zeichen des Sports: Unsere Test-Tuono war mit dem Racing-Topf, dem Zentralfederbein von Sachs-Boge und dem verstellbaren Öhlins-Lenkungsdämpfer ausgestattet.
Wenn Dir eine Honda Fireblade immer noch zu unhandlich ist, Du über die schlappen 106 PS einer Triumph Super Four insgeheim nur schmunzeln kannst, und Du keine Lust hast, auf die große Duke von KTM zu warten, könnte die Aprilia Tuono genau das Richtige für Dich sein. Es gibt Motorräder, die sind stark, stabil, teuflisch schnell, allerdings auch unbequem. Andere sind besonders handlich, aber nicht immer stabil. Wiederum andere sehen fesselnd aus, ziehen dem auffälligen Design jedoch gelegentlich den praktischen Nutzen vor. Aprilia, gebeutelt von den verkaufstechnischen Misserfolgen der Falco und Futura, ist wie andere Hersteller stets auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, um mit einfachen Mitteln ein universell und gleichzeitig interessantes Motorrad auf die Räder zu stellen.
Es ist verblüffend, mit welch einfachen Mitteln man im italienischen Noale aus der supersportlichen Standard-Mille die vielseitige Tuono komponiert hat. Tuono, das bedeutet soviel wie Donner. Wenn man schon bei der Abstraktion emotionaler Naturgewalten ist, darf auch die neue Klasse der so genannten Hyper Naked nicht fehlen. So jedenfalls nennt der Hersteller diese leistungsgeschwängerte Art der motorisierten Fortbewegung auf zwei Rädern. Bereits im vergangenen Sommer sorgte die weltweit auf 200 Exemplare limitierte und 17.999 teure Edel-Tuono auf Basis der veredelten Mille R für blasse Gesichter der Testfahrer. Nach den vielen positiven Kritiken war es somit nur eine Frage der Zeit, wann eine preisgünstigere Variante folgen sollte. Das simple Konzept rüttelt kräftig an der komplexen Denke mancher Marktstrategen. Gewürzt mit feinen und feinsten Komponenten des modernen Motorradbaus, ist die normale Tuono nach dem gleichen, denkbar einfachen Prinzip gestrickt, das aus den ersten privaten Streetfighter-Umbauten Anfang der neunziger Jahren entstand.
Man nehme einen hochwertigen Supersportler, schaffe Platz für einen hohen, breiten Rohrlenker und modifiziere um Gottes Willen nicht die lebensbejahende, sportliche Motorcharakteristik in einen vermeintlich vernünftigen Pseudo-Tourer, der unten herum vor Kraft kaum laufen kann, oben heraus jedoch kaum mehr als ein müdes Gähnen hervorbringt. Nun, so ganz kamen die Techniker um verhaltene Zugeständnisse zugunsten einer besonders fülligen Drehmomentkurve im mittleren Drehzahlbereich nicht herum. Ein Hänger um 5.000 min-1 ist dennoch spürbar, so dass von einer gleichmäßigen Kraftentfaltung nicht wirklich die Rede sein kann. Dieser Bereich spaltet den Tuono-Epos in ein gleichmütiges und ein stürmisches Kapitel. Somit ist für eine Extraportion Spannung gesorgt, die übrigens gut zum Charakter der Italienerin passt. Ab 8.000 min-1 bläst sie schließlich zum letzten Halali und erinnert im Wesen ein wenig an die Falco aus gleichem Haus. Bedingt durch die um acht PS höhere Spitzenleistung kommen die Fahreindrücke mit der Tuono jedoch heftiger rüber.
Die kommode Sitzposition wirkt in diesem Zusammenhang obendrein wie ein Gefühlsverstärker. Von brav bis aggressiv hält die Aprilia ein reichhaltiges Repertoire an Impressionen für den Fahrer bereit. Abgesehen vom deftigen Lastwechselruckeln bis 3.000 min-1 benimmt sich das Triebwerk angenehm kultiviert. Hält der Fahrer die Drehzahlmessernadel oberhalb dieses Bereiches, lässt sich der mittel U-Kat bereinigte Saugrohreinspritzer mit seinen beiden 51 mm großen Drosselklappen ungemein weich dosieren. Kaum zu glauben, dass man es hier mit einem 998 ccm-großen V2 zu tun hat. Dank der beiden, zahnradgetriebener Ausgleichswellen produziert der 60°-V
 Tutti completto: Die voll einstellbare Showa-Gabel spricht fein an und bietet Reserven satt. Die beiden Riser bestehen genauso wie die obere Gabelbrücke aus stranggepresstem, anschließend gefrästem Anticordal und sind zusätzlich in Silber eloxiert.
 Motor: Wassergekühlter 60°-V2-Viertakter, DOHC (Nockenwellen über Kette/Zahnrad-Kombination angetrieben, Ventile direkt über Tassenstößel und Shims betätigt), 4 Ventile/Zylinder, Bohrung x Hub 97 x 67,5 mm, 998 ccm, Verdichtung 11,4:1, doppelte Ausgleichswelle (AVDC), Trockensumpfschmierung, elektronische Benzineinspritzung, Saugrohr-ø 51 mm, Mehrscheiben-Ölbadkupplung mit servo-unterstützter Hydraulikkontrolle, 6 Gänge, Sekundärtrieb über Kette, 126 PS bei 9500/min, 101 Nm bei 7250/min. Abgasreinigung über U-Kat
Fahrwerk: Alu-Brückenrahmen mit doppelten Unterzügen und verschraubtem Rahmenheck, Showa-USD-Gabel ø 43 mm, Federvorspannung, Zug- und Druckstufe einstellbar, hinten Alu-Schwinge mit unterschiedlich geformten Hälften, Sachs-Boge-Zentralfederbein, Federbasis, Zug- und Druckstufe einstellbar. Federwege 120/135 mm. Vorne Brembo-Doppelscheibenbremse, ø 320 mm, Vierkolbensättel mit je zwei Belägen, hinten Scheibenbremse, ø 220 mm, Zweikolbensattel, vorn und hinten Stahlflexleitungen, Leichtmetallgussräder 3,5" (vorn) und 6,00" (hi.), Bereifung 120/70-17 und 190/50-17 (alternativ 180/55-17)
Abmessungen: Radstand 1415 mm, Nachlauf 99 mm, Lenkkopfwinkel 65°, Sitzhöhe 820 mm, Gewicht (fahrfertig) 215 kg, Tank 18 Liter, davon 4 Liter Reserve
Praxis: Höchstgeschwindigkeit 244 km/h, Beschleunigung 0-100 km/h in 3,0 Sekunden, Verbrauch 7,2 Liter Super bleifrei / 100 km, lieferbare Farben: Tulip-Rot und Magnet-Grau
Preis: 11 999.- vergleichsweise wenig Vibrationen. Nur dezente Schwingungen begleiten den Fahrer auf dem Weg durchs breite nutzbare Drehzahlband. Der Lärm dämmende Wassermantel der Flüssigkeitskühlung hält die mechanischen Laufgeräusche im Rahmen. Abgerundet wird der ausgereifte Eindruck schließlich von der patentierten, servo-unterstützten Kupplung, kurz PPC (Pneumatic Power Clutch), die den Fahrer selbst bei derben Fahrmanövern nicht mit einem großen Rückdrehmoment überrascht. Sauber bleibt das Hinterrad auch beim harten Runterschalten und gleichzeitigen Bremsen in der Spur. Kein Stempeln stört den dynamischen Fahrfluss.
Mit herzerfrischendem Zweizylinder-Pulsschlag schiebt die Aprilia aus den Ecken, lässt das Vorderrad bei voll geöffnetem Querschnitt nur allzu gern gen Himmel steigen. Böses Lenkerschlagen unterbindet der aufpreispflichtige, dafür allerdings einstellbare Lenkungsdämpfer bereits im Ansatz. So lässt es sich gefahrlos auch über mit Hügeln und Kuppen gespicktem Geläuf pflügen. Gegenüber der Mille wirken die um satte 17 Zentimeter höher liegenden Lenkerenden wie ein riesiger Hebel, der die Front beim harten Beschleunigen schneller leicht werden lässt. Durch das traumwandlerische Handling und die leicht nach vorn gebeugte Sitzposition stört das entgegen den ersten Erwartungen jedoch nicht weiter. Zumindest solange man nicht auf der Rennstrecke um die letzte Zehntelsekunde kämpfen muss. Aber dafür gibt´s ja bekanntlich die Mille. Dank der 80 Zentimeter breiten Segelstange lässt sich die Tuono unglaublich spielerisch von eine in die andere Schräglage werfen, so wie man es bislang noch mit keiner andere Großserien-Tausender auf diesem Planeten erlebt hat. Große Worte, meinen Sie? Nein, Tatsache!
Wahr ist jedoch auch, dass wer gern am Quirl dreht, anschließend nicht über einen Verbrauch von knapp 9 Litern bleifreien Superbenzin klagen sollte. Im Durchschnitt begnügt sich die Aprilia mit 7,2 Litern je 100 km, minimal spritzten die Düsen 5,3 Liter auf der Prüfdistanz ein. Eine leichte Gänsehaut verursacht auch das Kaltstartverhalten des elektronischen Motormanagements. Dabei regelt die Elektronik die Leerlaufdrehzahl anfangs in ungesunde Drehzahlregionen. Wer weniger Sekunden später den ersten Gang einlegt, wird mit einem martialischen Klock mit einer Hörweite von nicht unter 50 Metern bestraft. Dafür ist der Windschutz der rahmenfest montierten Verkleidung überraschend effektiv und leitet die anströmenden Luftmassen nicht unkontrolliert auf das Haupt des Fahrers. Vom entspannten über den sportlich geduckten Fahrstil, spektakulärem Hanging off bis hin zu zaghaften Supermoto-Ansätzen scheint mit der Tuono alles möglich. Ungeheuer zielgenau lenkt die Aprilia ein, kein Kippeln übers Vorderrad, auch auf das Aufrichten beim beherzten Hineinbremsen in Kurven wartet man vergeblich.
Neutralität kann auch der Hinterhand attestiert werden, die sich nicht durch ein linienversauendes Aufstellen über den 190er-Hinterreifen bei Bodenwellen negativ in Szene setzt. Ein dickes Lob geht gleichfalls an die Vierkolben-Brembo-Stopper der Gold-Serie, bei denen je zwei Pads die 320er-Bremsscheiben in die Zange nehmen. Bremsleistung und Dosierbarkeit sind nicht zu bissig und kommen dem sportlichen Alltagfahrer entgegen. Der wird früher oder später
 Like a winner: Gegenüber der Mille liegt der Lenker 17 Zentimeter höher. In Verbindung mit dem kompakten Fahrwerkslayout sorgt der ultraleichte Rohrlenker aus Ergal für ein superbes Handling.
FAZIT:
Die Aprilia Tuono ist eine beeindruckende Spaß- und Fahrmaschine, dessen Charakter vom durchweg kultiviert laufenden, drehwilligen V2, dem enormen Handling sowie dem unproblematischen Umgang geprägt wird. Sie ist stark, schnell, stabil und bequem zugleich. Der Schlüssel für die qualitative Güte der Tuono liegt in der hochwertigen Mille-Basis und den entsprechenden Fahrwerkskomponenten. Ein Bike mit dem man es im Bedarfsfall mächtig krachen lassen kann. Wheelies, Stunts und Stoppies, wann immer man will. Kurven geigen bis einem schwindelig wird, schnelle Vollgasetappen, manchmal ein bisschen Touren und im Alltag dazu noch eine gute Miene machen all das ist mit der Tuono möglich. Die exzellente Verarbeitung und der exklusive Touch lässt den etwas erhöhten Verbrauch leicht verschmerzen, genauso wie das Rumpeln und Hacken unter 3.000 min-1. Preislich liegt sie mit 11.999 exakt 600 unter der Mille und damit im Bereich anderer moderner Big Bikes. Noch Fragen?
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 Haut rein: Die Vierkolben-Brembo-Zangen nehmen im Inneren zwei Bremspads auf und sind nicht gar so bissig wie die Vier-Pad-Version der Mille. Stahlummantelte Bremsschläuche vorn und hinten, ja sogar an der hydraulischen Kupplung.
übermütig, bremst immer später und legt das Gas am Kurvenausgang noch einen Tick früher an. Es will und will einfach nichts aufsetzen. Noch ein bisschen, und ... erst sehr spät beginnen die haftfähigen Metzeler M-1 Sportec-Reifen warnend wegzurutschen. Der Fahrer nimmt´s gelassen, korrigiert ein wenig fertig. All das funktioniert so easy, dass man kleine Slides sogar freudig provoziert. Locker flutschen die Gänge auf der Geraden durch, wobei die hydraulische Kupplungsbetätigung nichts für allzu zartbesaitete Gemüter ist. Die Dosierung hingegen ist wunderbar. Besonders vorteilhaft, weil man diese in engen Kehren schon mal schleifen lassen muss, um die Motordrehzahl nicht unter 3.000 min-1 fallen zu lassen.
Entschädigung gibt´s am Kurvenausgang, wenn beim Gasgeben wieder schwarze Striche die Asphaltdecke zieren. Doch genug jetzt der Heizerei. Der Gesundheit zu Liebe. Außerdem möchte ich die Aprilia in einem Stück wieder zurückgeben. Für den Fall der Fälle sorgen seitlich angebrachte Kunststoff-Schutzstopfen für präventive Kostensenkung bei 90°-Schräglage. Dass der in Bronze-Titan lackierte Alu-Brückenrahmen und geschraubtem Rahmenheck außerordentlich stabil ist, dürfte seit der Vorstellung der Mille bekannt sein. Ganz gleich ob mit 245 km/h über die Autobahn oder im Tiefflug über die schnellste Landstraße der Welt, der Nürburgring-Nordschleife die Tuono wird ihrem Namen de facto gerecht und gibt sich selbst unter schwierigen Bedingungen wie der sprichwörtliche Donnerbolzen.
Da es bei der Tuono eine ganze Menge einzustellen gibt, freuen wir uns über das gelungene Fahrwerkssetup. So sind die Showa-Upside Down-Gabel und das via APS (Aprilia Progressiv System) angelenkte, aus dem original Zubehörkatalog lieferbare Sachs-Boge-Zentralfederbein ebenfalls komplett verstellbar. Während sich achtern aufgrund der aufrechten Sitzposition und den dadurch weiter nach hinten gewanderten Schwerpunkt eine recht stramme Einstellung empfiehlt, kann man vorn getrost etwas softer abstimmen. Je nach Fahrergewicht stellen vier bis fünf sichtbare Ringe im Straßenbetrieb eine ausreichende Vorspannung der Federbasis dar. Auf glattgebügelter Piste darf´s dann auch etwas straffer sein. Ansprechverhalten und Dämpfungsreserven sind nicht zu straff und decken ein breites Spektrum ab.
Die stattliche Sitzhöhe von 820 Millimetern und das leicht nach vorn abfallende Sitzkissen fördert eine konzentrierte Sitzhaltung. Wie von selbst winkelt der Fahrer die Arme leicht an, um aktiv am Geschehen teilzunehmen. Zum gemütlichen Bummeln taugt das weniger, bringt aber klare Pluspunkte bei sportlicher Gangart. Der schlanke Knieschluss verfehlt dabei seine Wirkung ebenfalls nicht und ermöglicht einen engen Kontakt zum Motorrad. Fahrer über 1,85 Meter Körperlänge monieren bei klassischer Sitzhaltung gelegentlich die Kante des 19-Liter fassenden Kunststofftanks, die beim Schalten Kontakt zum linken Oberschenkel bekommt und den Schaltfuß zeitweise blockiert. Abhilfe schafft eine etwas legerere Sitzposition mit leicht abgespreizten Beinen. Ein wenig Engagement und guten Willen erfordert auch das Erklimmen des Soziusplateaus. Wer keinen Fernsehsessel erwartet, kann sich mit den vorhandenen Platzverhältnissen recht gut arrangieren.
 Liebe zum Detail: Edle Technik, sinnvoll umgesetzt sieht nicht nur schön aus, sondern erfüllt in erster Linie einen ganz bestimmten Zweck. Die beiden Ansaugschnorchel befördern die anströmende, kühle Umgebungsluft unter zusätzlichem Druck in Richtung
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