Fahrbericht Aprilia RSV Tuono R Modell 2004
Herzklopfen
 Der drehzahlhungrige V2 und das superhandliche Fahrwerk sorgen für ungemeinen Fahrspaß
Sie lieben sportliche Motorräder, möchten dabei jedoch nicht auf eine bequeme Sitzposition verzichten? Dann können Sie auf der Aprilia RSV Tuono R goldrichtig aufgehoben sein und sich auch noch darüber freuen, dass der Streetfighter um sagenhafte 3.400 Euro im Preis reduziert wurde. Wie Sie Ihre Bank von dieser Investition überzeugen, erfahren Sie im Test. Naked Bikes sind feine Motorräder. Man sieht mehr von der Technik, sitzt bequemer und durch den Wegfall des Plastiks sind sie auch noch preisgünstiger als vollverschalte Super-sportler. Selbst im Falle eines Umfallers spart man Geld. Sind Naked Bikes oder die jungen Hyper Nakeds deshalb ein ultimativer Tipp für Sparfüchse? Nicht zwangsläufig, denn obwohl die Denkansätze grundsätzlich nicht verkehrt sind, trifft dies nicht uneingeschränkt zu. Zumindest nicht für die edle Aprilia RSV Tuono Racing. Antriebsseitig gleicht der 998 ccm große V2 praktisch dem der Standard-Tuono, ist jedoch satte 6.000 teurer. Verständlich, wenn sich der interessierte Biker an der Verkaufstheke anschließend über Schluckbeschwerden beklagt.
Also erst mal Luft anhalten und das Prospekt genauer studieren. Als Basis dient die 2003er-RSV Mille R - nix Standard Mille. Dass heißt: Die Tuono steht auf einem kompletten Öhlins-Fahwerk mit geschmiedeten, ultra-leichten OZ-Felgen. Gebremst wird über radial montierte Vierkolben-Festsättel. Ehemalige Plastik-Verkleidungsteile wurden kurzerhand durch Carbon-Teile ersetzt. Im Preis enthalten ist zudem ein kompletter Racing-Kit mit Titan-Auspuffanlage, EPROM, Frontverkleidung ohne Scheinwerfer und Unterwanne, ein 16er Ritz-el, Schalt-Umlenkung sowie ein Heckleuchten-Gitter. Wer das alles braucht? Sicher nicht der Pfennigfuchser. Anspruchsvollen Sportfahrer allerdings wird das Wasser im Munde zusammenlaufen. Die Schluckbeschwerden weichen einem aufgeregten Herzklopfen.
Leistungsmäßig stehen nach wie vor 125 PS auf dem Programm - ganz so wie bei der Standard-Tuono. Also doch nur optische Leckereien? Ein klares Nein. Wie auch die Mille R verfügt die Tuono Racing über ein enger gestuftes Sechsganggetriebe für besseren Anschluss in den einzelnen Fahrstufen. Bringt das was? Klar, für den, der gern auf der Rennstrecke
 Die beiden radial montierten Vierkolben-Festsättel sorgen vorn für brachiale Verzögerungswerte
 Wie geschaffen für Rennen und Trainings. rumprügelt oder die Hausstrecke kurzerhand zur Rennstrecke erklärt. Das kostet natürlich enorm an Gummi und Sprit - und nicht selten auch noch Sturzteile. Wieder nix für Sparfüchse. Dafür ist die Tuono Racing mit weißen Sturzpads links und rechts ausgerüstet. Da wird sich der Knicker drüber freuen. Und auch der Freizeit-Racer. Nebenbei: Auch die Standard-Tuono verfügt über die runden Crash-Pads. Genug der Erbsenzählerei.
Denn um zu sehen, was das Edelfahrwerk kann, muss man es bewegen - und nicht dumm rumquatschen. Also Helm auf zum ersten Wheelie. Uuiieeh, wird das Ding beim Beschleunigen vorn leicht. Also möglichst weit nach vorn mit dem Hintern, den Oberkörper nach vorn gebeugt und die Arme angewinkelt. Ups, Supersportler-Haltung? Klar, was denkst Du? Wenn Du diskutieren willst, geh zum Pfennigfuchser, der hat dafür immer ein offenes Ohr. Ich nicht, jedenfalls nicht jetzt, will endlich Gasgeben. Beim Blick auf den digitalen Tacho kann´s einem schon mal bang werden. Nicht, weil er sich bei ungünstigem Lichteinfall nicht sonderlich gut ablesen lässt, sondern weil es sich bei den angezeigten Zahlen um km/h-Werte handelt - nicht um die Waschmaschinendrehzahl im Schongang.
Es ist frappierend mit welcher Leichtigkeit sich die Tuono Racing dirigieren lässt. Stabil und superhandlich zugleich, mit den montierten Pirelli Supercorsa (vorn 70er-Querschnitt, hinten im 180er-Format) keine Spur von Kippeligkeit. Die Gummis brauchen bei 12° Celsius Außentemperatur ein wenig Zeit, um auf Temperatur zu kommen. Ich vermisse den letzten Sommer. Die Tuono Racing zeigt gern ihre Zähne. Und davon hat reichlich. Wem die serienmäßigen 125 PS noch nicht reichen, wird sich über das mitgelieferte Tuning-Kit freuen, dass die Leistung mit einfachen Mitteln auf 140 PS schraubt.
In der von uns getesteten Ver-sion mit Straßenzulassung hatten wir jedoch
 Feinste Materialien, edelste Ausstattung, bestechende Verarbeitung
FAZIT:
Wer braucht Carbon, Öhlins & Co. bei einem Hyper Naked? Nicht viele, aber besser ist schon. Entweder der, der es sich leisten kann, oder jemand, der die Qualitäten des Fahrwerks ausnutzt. Zum Anschauen ist sie zu schade, denn erst beim schnellen Fahren kommen die wahren Qualitäten der Aprilia Tuono Racing richtig zur Geltung. Bummeln kann sie auch, macht aber wenig Sinn. Sie animiert den Fahrer geradezu zum Spätbremsen, frühen Gasgeben und viel Schräglage. Ein unruhiger Charakter ist sie dennoch nicht.
Das was die Tuono Racing ausmacht, zeichnet auch die Standard-Tuono aus. Bloß ist das Niveau der Edel-Tuono nochmals ein bis zwei Level höher angesiedelt. Sie will aktiv gefahren werden und belohnt den Fahrer dafür mit mega-mäßigen Zielgenauigkeit und Stabilität. Das fantastische Handling lässt sie auch bei hohen Geschwindigkeiten spielerisch durch die Kurven fliegen. Mit dem 125 PS starken und kultiviertem V2 wirkt sie so perfekt wie eine Japanerin. Das ganze Drumherum verleiht ihr die charismatische Ausstrahlung, wie sie nur eine Italienerin haben kann.
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 Typisch italienisch: Hupe vor Blinker - nicht selten kommt der linke Daumen bei der Betätigung des Blinkerschalters an den Hupenschalter.
keinen Grund zur Klage. Wie die Standard-Tuono teilt sich der Drehzahlbereich der Racing-Version in zwei Bereiche. Bis 5.000 /min wirkt sie gutmütig, um sich anschließend eine kleine Verschnaufpause zu gönnen. Darüber kommen die supersportlichen Gene des Mille R-Pendants zum Vorschein, die die Tuono Racing heftig nach vorn schieben. Die Lastwechsel fallen im Vergleich zur Standard-Tuono niedriger aus, was die Handhabung nochmals verbessert. Selbst für lange und flotte Autobahn-Trips eignet sich das Hyper Naked. Bei aller Sportlichkeit kann die nicht limitierte Edel-Tuono durch ein breites Spektrum überzeugen.
Selbstverständlich immer mit der stets präsenten, sportlichen Note. Sensible Naturen über 1,85 Länge monieren oberhalb 170 km/h zwar einen spürbaren Winddruck, doch hält er sich verglichen mit anderen Hyper Nakeds in vertretbaren Grenzen. Lobenswert ist auch die Stabilität im Top-Speed-Bereich bis 245 km/h. Ob fiese Kuppen oder knackige Absätze - die neue Öhlins-Ups-Gabel spricht dank speziell beschichteter Gleitflächen feinfühlig an und bügelt selbst kleinste Unebenheiten sauber weg. Von daher hat der über 20-fach
verstellbare Lenkungsdämpfer relativ wenig zu tun.
Drei bis vier Klicks reichen selbst bei flottester Fahrt, um das Lenkerschlagen zu unterbinden. Bei artgerechter, sportlicher Fahrweise ist die Tuono Racing jedoch kein Kostverächter. Im Schnitt werden 7,3 Liter bleifreies Superbenzin in die 51 mm großen Einlasskanäle gespritzt. Bereinigt werden die Abgase schlussendlich via U-Kat. Es viel auf, dass der Alibi-Choke zur manuellen Drehzahlanhebung des Denso-Einspritz-ung im Kaltstart selbst bei niedrigeren Temperaturen nur selten erforderlich ist. Anscheinend geriet die Grundabstimmung relativ fett. Angesichts der superben Funktion der Aprilia stört das jedoch wenig.
 Technische Daten:
Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt 60°-V-Motor, Hubraum 998 ccm, Leistung 125 PS/92 kW bei 9.500 /min, max. Drehmoment 96 Nm bei 8.750 /min, Bohrung x Hub x 97 x 67,5 mm, Verdichtung 11,4:1, vier Ventile pro Zylinder, DOHC, Nockenwellen über Zahnkette angetrieben, eletr. Denso-Saugrohreinspritzung ø51 mm, man. Drehzahlanheb., zwei Zündkerzen/Zylinder, Trockensumpfschmierung, hydr. bet. Mehrscheiben-Anti-Hopping-Kupplung im Ölbad, klauengesch. Sechsgang-Getriebe, Sekundärtrieb über Kette, Brückenrahmen aus Aluminium, verschraubtes Rahmenheck, Radstand 1.415 mm, Nachlauf 99 mm, Lenkkopfwinkel 65°, Sitzhöhe 820 mm, Gewicht fahrfertig 211 kg, zul. Gesamt-gewicht 401 kg, Tank 18 Liter, Radführung vorn: UPS-Gabel, ø43 mm, komplett verstellbar, hinten asymetr. LM-Zweiarmschwinge, Zentralfederbein, kompl. verstellb., Federwege vo./hi. 120/135 mm, Doppelscheibenbremse vo., ø320 mm, zwei radial montierte Vierkolben-Festsättel, Einfach-Scheibenbremse hi., ø220 mm, Bereifung vo. 120/70 -17, hi. 180/ 55-17, montierte Reifen: Pirelli Supercorsa, Höchstgeschwindigkeit 245 km/h, Beschleunigung 0-100 km/h in 3,0 Sek., Verbrauch 7,3 Liter Superbenzin/100 km, zwei Jahre Garantie ohne Kilometerbegrenzung, U-Kat, Lenkungsdämpfer, Schaltblitz, Preis: 14.599
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