Fahrbericht Kawasaki ZX-6 R 2003
1985 stellte Kawasaki die GPZ 600 R vor und war damit Wegbereiter der damals völlig neuen 600er-Klasse. Zehn Jahre später kam die Kawasaki ZX-6 R und schenkte der Konkurrenz ordentlich ein. Mit dem aktuellen Modell legen die Grünen wieder mächtig nach. Einspritzung, neues Fahrwerk und stramme 118 PS Leistung. Welche Wirkung das hat, lesen Sie im Test.
Erinnern Sie sich noch an das Gefühl, als Sie das letzte Mal bei Nachbars Bauer Äpfel geklaut haben? Junge, was sind wir gerannt, so weit und schnell wir nur konnten. Das Herz schlug wie wild und die Beine rannten und rannten und rannten. Kein Gedanke an irgendetwas - bloß daran, dass der Bauer dich nicht in die Finger bekommen durfte. Ein ähnliches Gefühl hatte ich vor dem Ritt mit der Kawasaki ZX-6 R. Giftgrün, satte 118 PS aus exakt 636 Kubikzentimetern Hubraum und vollgetankt gerademal 188 kg schwer. Ein verlockendes Arrangement, dem man nur schwerlich widerstehen kann. Was außer Gasgeben soll man mit der giftgrünen Kawa schon anderes anfangen? Welche Strecke, wo stehen die Blitzer, wo sind die besten Kurven, sind die Reifen auch ordentlich angefahren?
Schon damals war klar, dass wenn der Bauer uns erwischt, es mächtig Senge gibt. Aber er hat uns nicht gekriegt. Dank dieser letztendlich doch positiven Verknüpfung lasse ich mich auch im Fall der Kawasaki ZX-6 R gern von meinem Inneren überreden, den Einteiler überzustülpen. Damit kann man zwar nicht schneller rennen, aber besser und schneller fahren - wohin auch immer.
Neugierig drücke ich den Starterknopf - es faucht und grummelt. Ziemlich direkt, unmissverständlich. So wie beim Entschluss, sich in Nachbars Garten zu wagen. Wirklichen Hunger hatte ich jedenfalls nicht. Man ist in all den Jahren erwachsen geworden, weiß worauf man sich einlässt - oder glaubt es zumindest. Visier runter, bloß raus aus dem spießerischen Getümmel und hinein ins Abenteuer. Zwischendurch schon mal antesten, was geht, wie es sich anfühlt, wenn du auf der Flucht bist, vor den Autos, den gesellschaftlichen Zwängen, der Frau oder eben dem Bauer.
Der Antritt ist nicht schlecht. Vom Hocker haut das jedoch nicht. 3.000, 4.000 /min - naja, geht so. Ab 5.000 /min spüre ich langsam Druck. Aha, gleich geht´s los ... Mist die Ampel zeigt rot. Vier, fünf Autos vor mir, zweispurig, Gegenverkehr. Die Kawa ist schmal, kein Problem. Gott, bin ich froh, nicht auf einem Cruiser zu sitzen. Gelb: Gas auf und Kupplung schleifen lassen und beten, dass jetzt ganz schnell die Grün-Phase kommt. Sie kommt. Kurzer Sprint, habe nicht auf den Drehzahlmesser geschaut, keine Zeit, habe sowieso nix erkennen können. War aber auch nicht so wichtig. Der Motor ging, ich

 bin weg und habe freie Fahrt. 6.000 /min - der Motor dreht zunehmend freier. Es kribbelt im Lenker, den Fußrasten, am Tank - und natürlich im Bauch. 7.000 /min - es dröhnt mächtig. Unterm Tank, hinten - nein, ich will keine Ohrenstöpsel. Man geht ja auch nicht Äpfel klauen, wenn man vorher Beruhigungspillen eingeworfen hat. Endlich mein Lieblingsschild. Ein Ortsname mit rotem Strich drüber. Das passende Ambiente für mehr Gas.
Ab 8.000 /min packt mich der Teufel. Ich denke nur noch ans Abhauen vorm Bauer und seine Selbstjustiz. Die LCD-Anzeige ist kaum mehr zu verfolgen. Irgendwo ab 10.000 /min fühle ich mich wie in einem anderen Level. Hier geht´s nicht mehr um Lausbubenstreiche, sondern um nackten Speed.
Hinter einer scharfen Linkskurve halte ich an und rauche eine Zigarette. Das war nicht schlecht, doch der Bauer ist nicht mehr zu sehen. Während ich die letzten Zentimeter meiner Selbstgestopften inhaliere, höre ich aus der Ferne ein näherkommendes Motorengeräusch. Zwischengas, Anbremsen, Abfallen der Drehzahl und das typische Wimmern beim harten Gasaufziehen über Bodenwellen. Die Kippe fliegt in die Ecke, der Helmverschluss rastet ein und die Handschuhe freuen sich auf die tiefliegenden Stummellenker. Der Tiefflieger rauscht vorbei. Es ist wieder Zeit für Drehzahl. Nicht unter 8.000 /min, wenn´s geht. das harte Klock des ersten Ganges ist mir wurscht, jetzt Gas, Kupplung und Hochschalten. Ich werde ihn schon kriegen, den Apfel-Dieb ...
Facts:
Kawasaki ZX-6 R ist sehr handlich, jedoch nicht nervös. Der Windschutz ist oberhalb 180 km/h nicht sonderlich effektiv. Der Sozius kann einem manchmal schon Leid tun. Ab 160 km/h klagt er über mächtig Druck im Nacken. Die Leerlaufsuche ist nicht immer einfach, die Schaltvorgänge fallen recht hart, dafür jedoch exakt aus.
Das Anfahrdrehmoment ist für eine 600er okay, ideal ab 2.000 /min. Wer zügig losfahren möchte, sollte den Balken der digitalen Drehzahlanzeige nicht unter 3.500 /min fallen lassen. Das Ganze sieht auf dem kompakten Instrumentarium zwar klasse aus, ist bei sportlicher Fahrweise jedoch nicht wirklich gut abzulesen. Das stört jedoch nur Fahrer, die die Kawasaki ZX-6 R gern und häufig bis in den roten Bereich, der bei 15.500 min beginnt, ausquetschen.
Das macht natürlich ordentlich Spaß, treibt jedoch den Kraftstoffkonsum in die Höhe. Bei flotter Kurven-, bzw. Autobahnhatz sind 8,5 Liter Super je 100 km keine Seltenheit. Im Allgemeinen geht die Kawasaki ZX-6 R hingegen sparsam mit dem goldgelben Saft um. Auch unter 5 Liter sind ohne Weiteres möglich.
Das Fahrwerk ist für den Solo-Betrieb straff abgestimmt, handlich, stabil und zielgenau. Wer mit ihr auf die

Technische Daten
Wassergekühlter Vierzylinder-Viertakt Reihenmotor, Hubraum 636 ccm, Leistung 118 PS/87 kW bei 13.000 /min, max. Drehmoment 67 Nm bei 11.000 /min, Bohrung x Hub x 68 x 43,8 mm, Verdichtung 12,8:1, vier Ventile pro Zylinder, DOHC, Nockenwellen über Zahnkette angetrieben, eletr. Saugrohreinspritzung ø38 mm mit Sekundärdrosselklappen, man. Drehzahlanheb., eine Zündkerze/Zylinder, Nasssumpf-schmierung, seilzugbet. Mehrscheibenkupplung im Ölbad, klauengesch. Sechsgang-Getriebe, Sekundärtrieb über Kette, Brückenrahmen aus Aluminium, verschraubtes Rahmenheck, Radstand 1.400 mm, Nachlauf 95 mm, Lenkkopfwinkel 65,5°, Sitzhöhe 815 mm, Gewicht fahrfertig 188 kg, zul. Gesamtgewicht 368 kg, Tank 18 Liter, Radführung vorn: UPS-Gabel, ø41 mm, komplett verstellbar, hinten LM-Zwei-armschwinge, Zentralfederbein, kompl. verstellb., Federwege vo./hi. 120/68 mm, Doppelscheibenbremse vo., ø280 mm, zwei radial montierte Vierkolben-Festsättel, Einfach-Scheibenbremse hi., ø220 mm, Bereifung vo. 120/65-17\", hi. 180/55-17\", montierte Reifen: Michelin Pilot Sport, Höchstgeschwindigkeit 265 km/h, Beschleunigung 0-100 km/h in 3,2 Sek., Verbrauch 6,3 Liter Superbenzin/100 km, zwei Jahre Garantie ohne Kilometerbegrenzung, U-Kat, SLS, Schaltblitz, Stopuhr, Preis: 9.640
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Rennstrecke geht, freut sich über die Aufnahme eines Lenkungsdämpfers. Der 65er-Frontpneu harmoniert gut mit dem Fahrwerk. Das Einlenkverhalten ist problemlos und erfordert keine Eingewöhnung. Das Aufstellmoment mit den montierten Michelin Sport-Reifen hält sich in Grenzen. Kurskorrekturen erfordern keinen Zauberer. Die Federelemente können auch hohe Ansprüche zufrieden stellen. Das Ansprechverhalten ist feinfühlig, die Reserven enorm. Lediglich im Zweimannbetrieb empfiehlt es sich, die Basis hinten um rund vier Umdrehungen zu erhöhen und die Zugstufe eine halbe bis eine Umdrehung weiter zuzudrehen. So geht´s auch mit Sozia im Renntempo durch die Kurven.
Überzeugen konnten auch die radial montierten Festsättel, die man sonst nur in der supersportlichen Oberliga zu sehen bekommt. Leistung und Dosierbarkeit sind top. Begeisternd ist das Ansprechverhalten des Fours. Spontan und ohne störende Lastwechsel lässt sich die Kawasaki ZX-6 R auch durch die verzwicktesten Kurvenkombina-tionen bewegen. Dank der vorgeschalteten Sekundär-Drosselklappen lässt sich die Leistung fein dosieren. Der kawa-typische, etwas raue Motorlauf sorgt zwar speziell im Bereich zwischen 6.000 und 7.000 /min für feine Vibrationen, die Sportfahrer jedoch wenig stören werden. Schließlich bewegen sie sich in der Drehzahlleiter meist weiter oberhalb.
FAZIT
Auch ohne Doppel-R in der Typenbezeichnung ist die neue ein lupenreiner Supersportler. Und ein wertiger dazu. Das handliche, stabile Fahrwerk, die leistungsstarke Bremsanlage und der hungrige 636-Motor passen zum sportlichen Kurvenjagen wie die Faust aufs Auge. Kräftige Punktabzüge wirken sich lediglich im Zweimannbetrieb negativ aus, so dass es reine Sportfahrer nicht großartig interessieren dürfte. Dass sie in der Fahrwerks-Wertung selbst als Tourer so gut wegkommt, spricht für den gelungenen Kompromiss zwischen Alltag und Supersport. Natürlich werden nur die wenigsten Fahrer mit ihr auf große Tour gehen. Dazu ist die gesamte Ergonomie zu extrem auf Sport ausgelegt. Bis auf kleine Schönheitsfehler bei den Schweißnähten kann auch die Verarbeitung überzeugen. Insgesamt eine sehr sportliche Wohlfühlpackung.
Die Kawasaki ZX-6 R rennt Tacho sage und schreibe 272 km/h. Das macht unterm Strich echte 265. Da haben selbst weitaus stärkere Hyper Naked Bikes Schwierigkeiten zu folgen. Mit 118 PS steht der Reihenvierzylinder gut im Futter. Gegenüber dem Vorgängermodell blieb nur die Motorbasis erhalten. Die Einspritzanlage ist neu, genauso wie das Chassis mit hochwertigen Federelementen, wie man sie sonst eher bei reinrassigen Supersportlern findet.

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