Fahrbericht MV Agusta Brutale S Modell 2003
Lebendiger Mythos
 Die MV Agusta Brutale ist ein Gerät für Kurvenjäger, Sprinter und Freunde edelster Technik, die in feinster Verarbeitungsqualität ihre Glückseligkeit finden.
Nach der supersportlichen MV Agusta F4 und der sündigen Brutale Oro, gibt es seit kurzem die Brutale S. Wir hatten Gelegenheit, dieses Motorrad ausgiebig zu testen. Lesen Sie den Test und erleben Sie, wie hoch ein Biker-Herz schlagen kann.
Eine MV Agusta zu fahren, gehört zu den größten Momenten im Leben eines Motorradfahrers. Mit vollem Namen Meccania Verghera Agusta, mir schießen Größen durch den Kopf - der 15-fache Motorradwelt-meister Giacomo Agostini, der mit der Marke aus dem norditalie-nischen Varese erfolgreich wurde. Massimo Tamburini, der geniale Konstrukteur und nicht zuletzt Claudio Castiglioni, der visionäre Geschäftsmann, der es immer wieder irgendwie geschafft hat, die Marke an die wirtschaftliche Wasseroberfläche zu bringen.
So beeindruckend wie die Fir-mengeschichte ist auch die Brutale S. Kompakt wie ein Spielzeug, natürlich feuerrot, Formen, die kein rationeller Computer aus der Designabteilung entwickeln kann, sondern die von enthusiastischen Händen entworfen sein müssen. Jeder Tag geht einmal zu Ende. Manchmal ist es besser so, manchmal auch schade. Letzteres besonders dann, wenn man in den Genuss kam, ein Motorrad wie die Brutale S zu bewegen.
Es ist irgendein Freitagabend im September. Die Sonne hüllt mit letzter Kraft die Umgebung in einen rot-gelben Mantel. Ich bin geschafft, fühle mich trotzdem gut. Ich rieche den heißen Gummi der Reifen, lausche dem feinen Knistern der Edelstahl-Auspuffanlage, genieße den Blick auf die filigranen Instrumente. Wundere mich über den winzigsten und genialsten Choke der Motorradgeschichte und lasse meinen Blick über die prachtvolle Einarmschwinge gleiten. Keine Frage, die Brutale ist ein würdiges Objekt für das schönste Licht des Tages. Trotzdem alle wichtigen Bauteile in Vertrauen erweckendem Maßstab konstruiert sind, wirkt die Brutale wie ein Spielzeug. Dabei scheint die enorme Kraft an allen Ecken nur so herauszusprießen. Wie zum Beispiel die Krümmer des zweiten und dritten Zylinders, die sich zwischen dem Kühler-Arrangement und den anderen beiden Gasführungsrohren regelrecht vorbeiquetschen. Oder der knackig geformte Tank, der an den Schenkeln rekordverdächtig schmal ausfällt, um sich dann in dezentem Bogen über die Airbox zu spannen. Markante Knicke an den Tankflanken, gebrochene Linien wohin das Auge schaut, und doch wirkt nichts unaufgeräumt. Fühle die Taille, die in dieser Vollendung nicht einmal Jennifer Lopez erreichen kann.
Bei der Brutale ist wenigsten alles echt. Kein Silikon, kein Small Talk, kein Keep on Smiling. Die Brutale ist drahtig und durchtrainiert bis in den letzten Winkel. Gut, die Lopez ist menschlich und darüber hinaus nicht käuflich zu erwerben. Ob sie im wirklichen Leben jedoch an nähernd so viel Spaß bereitet wie eine Brutale, ist fraglich. Immerhin - dafür muss der Kunde auch knapp 15.000 über den Verkaufstresen schieben. Im Vergleich zur 29.000 teuren Oro-Ausführung, könnte man die Brutale S natürlich auch als Sonderangebot verstehen. In jedem Fall kommt die S dem Normalsterblichen ein gutes Stück entgegen. Besonders interessant wird die Sache dadurch, dass der einzige Unterschied lediglich in der Materialwahl verschiedener Bauteile
 Individuell: Der Schalthebel (oben) ist stufenlos verstellbar, die Schaltwege kurz und knapp. Die massive untere Gabelbrücke (unten) mit Dreifachklemmung sorgt für unglaubliche Lenkpräzision und Stabilität.
 Ultrakompakt und sehnig bis ins kleinste Detail. Selbst von vorn ist die Brutale zweifelsohne als solche zu erkennen. Der weit heruntergezogene Oval-Scheinwerfer hat bereits Designerpreise gewonnen. liegt. Das ultraleichte Carbon der Oro weicht bei der S gediegen wirkendem Kunststoff, die ehemals gülden schimmernden Rahmensegmente aus Magnesium werden durch Stahl ersetzt und die Schwinge ist aus Aluminium.
Die handliche Fahrwerksgeometrie mit 66° Lenkkopfwinkel und moderaten 101,4 Millimetern Nachlauf bleibt davon ebenso unberührt wie der Motor. Wieselflink folgt die Brutale jedem noch so kleinen Lenkimpuls. Die Kurve ist kaum angedacht, da winkelt die fahrfertig 200 Kilogramm leichte 750er auch schon ab. Gedacht, getan und durch. Die Stabilität ist über dabei jeden Zweifel erhaben, gleichfalls die Zielgenauigkeit. Störend wirkt sich lediglich der breite 190er-Hinterreifen auf der 6 Zoll breiten Marchesini-Felge aus. Bodenwellen in Schräglage quittiert sie mit promptem Aufstellen. Die Brutale will aggressiv gefahren werden.
Frühmorgens auf der Hausstrecke, mittags auf Autobahn mit 251 km/h (darüber riegelt der Begrenzer ab) zurück. Danach weißt Du was Motorrad fahren pur bedeutet. Der gierige Einspritz-Motor schreit permanent nach der maximalen Drosselklappenöffnung. Zwischen 6.000 und 7.000 /min faucht es aus den beiden Endtöpfen, als sei es die Vorankündigung des Infernos. Zeitgleich setzt ein Schub ein, der für die Namensgebung der Brutale verantwortlich gewesen sein muss. Die Arme werden lang und länger, das Vorderrad auch ohne Kupplungs-zauber so leicht, dass es weich nach oben steigt. Gib ihr Saures und du wirst Süßes ernten. Auch wenn Halloween längst vorbei ist. Das straff abgestimmte Fahrwerk ist vorn und hinten komplett einstellbar und zeigt sich auch bei voll geöffneter Dämpfung von der straffen Seite.
Für touristische Ausflüge ist die Brutale ungeeignet. Potenziellen Mitfahrern sei es aufgrund der sparsamen Platzverhältnisse verziehen, wenn sich ihre Anerkennung auf die äußerst gelungene Form der Heckpartie beschränken. Für den Fahrer ist die 800 Millimeter hohe Sitzposition jedoch perfekt. Vorausgesetzt man einigt sich mit der Windsbraut auf ein aktive Fahrweise. Sie lässt kaum Spielraum für Veränderungen der Sitzposition zu. Ein Vergleich mit dem typischen Blubb aus einer bekannten Spinatwerbung bringt die Sache ziemlich genau auf den Punkt. Es passt einfach, genau so und nicht anders. Das macht souverän und ist gut zum schnell fahren. Um auf der Flaniermeile vor sich hinzubummeln, taugt sie nicht. Stets wähnt man sich auf einem Superbike, so dass man geneigt ist, das vorhandene Potential ständig zu fordern.
Der Tank wartet förmlich darauf, dass man sich über ihn beugt, die Arme anwinkelt und den Helm eine Etage tiefer in Stellung bringt. Zwiespältig schaut der Scheinwerfer aus der Wäsche und macht den Eindruck eines beleidigten Kindes, das die Unterlippe vorm ohrenbetäubenden Aufheulen in Stellung bringt. Wer weiß, ob es nicht sogar der Bildsprache des geistigen Vaters Massimo Tamburini entsprach, als er dieses hell leuchtende Windei in seine jetzige Form brachte. Metaphern verbinden und übertragen Gedanken auf manchmal ganz eigenartige Wege. Und Tamburinis Werke waren schon immer Ausnahmeerscheinungen.
Denken wir an Bimota-Motorräder, an die Ducati 916 und natürlich an die MV Agusta F4, ohne die es die Brutale in
 Bei 251 km/h riegelt die Brutale ab. Das schön gezeichnete Cockpit ist wunderbar anzuschauen. Wichtig: Der analoge Drehzahlmesser.
Technische Daten, Mod. 2003:
Motor:
Wassergek. Vierzylinder-Viertakt Reihenmotor, Hubraum 749 ccm, Leistung 127 PS / 93 kW bei 12.600 /min, max. Dreh-moment 75 Nm bei 10.500 /min, Bohrung x Hub 73,8 x 43,8 mm, Verdichtung 12,0:1, vier radial angeordnete Ventile pro Zylinder, DOHC, Nockenwellen über Zahnräder angetrieben, eletr. Einspritzung, ø 46 mm, eine Zündkerze/Zylinder, Nasssumpfschmierung, hydr. bet. Ölbadkupplung, klauengesch. Sechsganggetriebe, Sekundärtrieb über Kette
Fahrwerk:
Gitterrohrrahmen aus Stahl, verschraubtes Rahmenheck, Radstand 1.414 mm, Nachlauf 101,5 mm, Lenkkopfwinkel 66°, Sitzhöhe 800 mm, Gewicht fahrfertig 200 kg, zul. Gesamtgewicht 370 kg, Tank 19 Liter, Radführung vorn: Upside-Down-Gabel, ø50 mm, komplett verstellbar, hinten Einarmschwinge mit Gasdruck-Zentralfederbein, komplett verstellbar, Federwege vo./hi. 120/118 mm, Doppelscheibenbremse vo., ø310 mm, zwei Sechskolben-Festsättel, Einfach-Scheibenbremse hi., ø210 mm, Bereifung vo. 120/65-17, hi. 190/50-17, montierte Reifen: Michelin Pilot Sport Radial
Praxis:
Höchstgeschwindigkeit 251 km/h, Beschleunigung 0-100 km/h in 3,2 Sek., Verbrauch 9,5 Liter Superbenzin/100 km, zwei Jahre Garantie ohne Kilometerbegrenzung
Preis: 15.130 (inkl. NK), Kontakt: www.mvagusta.de
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 Knurrt, beißt und schluckt: Ab 6.000 /min ist die Hölle los.
ihrer jetzigen Form nicht geben würde. Nachdem ich mich beim ersten Start spontan in den famosen Choke-Hebel verliebt habe, knurrt der Einspritzer im Leerlauf vor sich hin und verbreitet auf Anhieb Spannung bis in die Haarspitzen. Der DOHC-Motor, dessen insgesamt 16 Ventile radial angeordnet sind, wurde in enger Zusammenarbeit mit Ferrari entwickelt. Wenn Michael Schumacher das fühlt, was ich fühle, dann weiß ich, warum er zu Ferrari wechselte. Bissig und ungemein agil hängt das 127 PS starke Aggregat am Gas. Mit 75 Nm gehört er erwartungsgemäß nicht zu den Durchzugswundern. Doch wurde der Four auch nicht zum Cruisen gemacht. Erst bei 10.500 /min liegt das maximale Drehmoment an. Verwertbare Leistung steht ab 3.000 /min zur Verfügung.
Sauber und ohne Hänger beginnt die MV langsam ihre Muskeln zu spannen. Ab 5.000 /min werden weitere Lebensgeister wach, um im Anschluss der Bezeichnung Brutale alle Ehre zu machen. Der Name ist schlicht und ergreifend Programm. Ungemein spontan reagiert der Motor auf kleinste Änderungen der Gashand. Auf der Negativ-Seite stehen Lastwechselreaktionen, die der Fahrer durch Sensibilität kompensieren muss. Versteht es der Fahrer jedoch, das glasklare Feedback, dass Mann und Maschine schnell zu einem verschmelzen lässt, mit der recht spitzen Leistungscharakteristik zu vereinen, befindet er sich auf einer extrem hohen Evolutionsstufe.
In Sachen Kraftstoffkonsum ist die Entwicklung an der Brutale jedoch scheinbar vorübergegangen. Unter 7,7 Liter je 100 Kilometer war sie definitiv nicht zu bewegen. Maximal waren´s gar 14,4, durchschnittlich 9,5 Liter Super. Das ist interner Redaktions-rekord. In Kürze soll ein neues Software-Update den Verbrauch drastisch senken. Man darf gespannt sein. Die Brutale ist ein Motorrad für Kenner und Könner. Dass sie ein Naked Bike mit Rohrlenker ist, sollte nicht darüber hinweg täuschen, dass sie im Grunde ihres Herzens ein reinrassiger Supersportler ist. Der Rest ist selbstklärend: Feinste Fahrwerkszutaten, individuell einstellbar und eine Verarbeitungsqualität, die ihresgleichen sucht.
FAZIT
Ein Motorrad wie die MV Agusta Brutale S überzeugt nicht durch kompromisshaltige Alltagsqualitäten, sondern durch ein Höchstmaß an Fahraktivität, Stabilität, edler Technik und bester Verarbeitung. Schon allein der Preis von rund 15.000 schränkt den Käuferkreis ein. Trotzdem ist der Preis angesichts der gebotenen Technik und Exklusivität nicht wirklich überzogen. Dafür gibt es ein in allen Situationen unerschütterliches Fahrwerk und einen Motor, der über eine ungefilterte Rennmaschinen-Charakteristik verfügt und gefordert werden will.
Mit dem breiten 190er-Michelin Sport Radial-Reifen auf der 6 Zoll breiten Hinterradfelge reagiert sie auf Bodenunebenheiten in Schräglage mit ausgeprägtem Aufstellmoment. Etwas weniger wäre sicher mehr gewesen. Der Faszination tut das jedoch keinen Abbruch, denn Massimo Tamburinis Kreation ist ein Meisterwerk des Motorradbaus. Fürs Wohnzimmer jedoch viel zu schade. Eine Brutale ist zum Fahren da. Dann kann sie brüllen, das Vorderrad stolz in die Höhe recken und um die Ecken brennen - und das auf höchstem Niveau.
 Zwei Sechskolben-Festsättel beißen vorn in 310 mm große Scheiben. Die Achsschnellverschlüsse der Upside-Down-Gabel begeistern schon im Stand.
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