Last Update 09.01.2009 18:06 Uhr

Fahrbericht MV Agusta Brutale S Modell 2003


Lebendiger Mythos

Fahrbericht MV Agusta Brutale S Modell 2003
Die MV Agusta Brutale ist ein Gerät für Kurvenjäger, Sprinter und Freunde edelster Technik, die in feinster Verarbeitungsqualität ihre Glückseligkeit finden.
Fahrbericht MV Agusta Brutale S Modell 2003
Ultrakompakt und sehnig bis ins kleinste Detail. Selbst von vorn ist die Brutale zweifelsohne als solche zu erkennen. Der weit heruntergezogene Oval-Scheinwerfer hat bereits Designerpreise gewonnen.

liegt. Das ultraleichte Carbon der Oro weicht bei der S gediegen wirkendem Kunststoff, die ehemals gülden schimmernden Rahmensegmente aus Magnesium werden durch Stahl ersetzt und die Schwinge ist aus Aluminium. Die handliche Fahrwerksgeometrie mit 66° Lenkkopfwinkel und moderaten 101,4 Millimetern Nachlauf bleibt davon ebenso unberührt wie der Motor. Wieselflink folgt die Brutale jedem noch so kleinen Lenkimpuls. Die Kurve ist kaum angedacht, da winkelt die fahrfertig 200 Kilogramm leichte 750er auch schon ab. Gedacht, getan und durch. Die Stabilität ist über dabei jeden Zweifel erhaben, gleichfalls die Zielgenauigkeit. Störend wirkt sich lediglich der breite 190er-Hinterreifen auf der 6 Zoll breiten Marchesini-Felge aus. Bodenwellen in Schräglage quittiert sie mit promptem Aufstellen. Die Brutale will aggressiv gefahren werden. Frühmorgens auf der Hausstrecke, mittags auf Autobahn mit 251 km/h (darüber riegelt der Begrenzer ab) zurück. Danach weißt Du was Motorrad fahren pur bedeutet. Der gierige Einspritz-Motor schreit permanent nach der maximalen Drosselklappenöffnung. Zwischen 6.000 und 7.000 /min faucht es aus den beiden Endtöpfen, als sei es die Vorankündigung des Infernos. Zeitgleich setzt ein Schub ein, der für die Namensgebung der Brutale verantwortlich gewesen sein muss. Die Arme werden lang und länger, das Vorderrad auch ohne Kupplungs-zauber so leicht, dass es weich nach oben steigt. Gib ihr Saures und du wirst Süßes ernten. Auch wenn Halloween längst vorbei ist. Das straff abgestimmte Fahrwerk ist vorn und hinten komplett einstellbar und zeigt sich auch bei voll geöffneter Dämpfung von der straffen Seite. Für touristische Ausflüge ist die Brutale ungeeignet. Potenziellen Mitfahrern sei es aufgrund der sparsamen Platzverhältnisse verziehen, wenn sich ihre Anerkennung auf die äußerst gelungene Form der Heckpartie beschränken. Für den Fahrer ist die 800 Millimeter hohe Sitzposition jedoch perfekt. Vorausgesetzt man einigt sich mit der Windsbraut auf ein aktive Fahrweise. Sie lässt kaum Spielraum für Veränderungen der Sitzposition zu. Ein Vergleich mit dem typischen „Blubb“ aus einer bekannten Spinatwerbung bringt die Sache ziemlich genau auf den Punkt. Es passt einfach, genau so und nicht anders. Das macht souverän und ist gut zum schnell fahren. Um auf der Flaniermeile vor sich hinzubummeln, taugt sie nicht. Stets wähnt man sich auf einem Superbike, so dass man geneigt ist, das vorhandene Potential ständig zu fordern. Der Tank wartet förmlich darauf, dass man sich über ihn beugt, die Arme anwinkelt und den Helm eine Etage tiefer in Stellung bringt. Zwiespältig schaut der Scheinwerfer aus der Wäsche und macht den Eindruck eines beleidigten Kindes, das die Unterlippe vorm ohrenbetäubenden Aufheulen in Stellung bringt. Wer weiß, ob es nicht sogar der Bildsprache des geistigen Vaters Massimo Tamburini entsprach, als er dieses hell leuchtende Windei in seine jetzige Form brachte. Metaphern verbinden und übertragen Gedanken auf manchmal ganz eigenartige Wege. Und Tamburinis Werke waren schon immer Ausnahmeerscheinungen. Denken wir an Bimota-Motorräder, an die Ducati 916 und natürlich an die MV Agusta F4, ohne die es die Brutale in


Fahrbericht MV Agusta Brutale S Modell 2003
Bei 251 km/h riegelt die Brutale ab. Das schön gezeichnete Cockpit ist wunderbar anzuschauen. Wichtig: Der analoge Drehzahlmesser.

Fahrbericht MV Agusta Brutale S Modell 2003
Knurrt, beißt und schluckt: Ab 6.000 /min ist die Hölle los.

ihrer jetzigen Form nicht geben würde. Nachdem ich mich beim ersten Start spontan in den famosen Choke-Hebel verliebt habe, knurrt der Einspritzer im Leerlauf vor sich hin und verbreitet auf Anhieb Spannung bis in die Haarspitzen. Der DOHC-Motor, dessen insgesamt 16 Ventile radial angeordnet sind, wurde in enger Zusammenarbeit mit Ferrari entwickelt. Wenn Michael Schumacher das fühlt, was ich fühle, dann weiß ich, warum er zu Ferrari wechselte. Bissig und ungemein agil hängt das 127 PS starke Aggregat am Gas. Mit 75 Nm gehört er erwartungsgemäß nicht zu den Durchzugswundern. Doch wurde der Four auch nicht zum Cruisen gemacht. Erst bei 10.500 /min liegt das maximale Drehmoment an. Verwertbare Leistung steht ab 3.000 /min zur Verfügung. Sauber und ohne Hänger beginnt die MV langsam ihre Muskeln zu spannen. Ab 5.000 /min werden weitere Lebensgeister wach, um im Anschluss der Bezeichnung Brutale alle Ehre zu machen. Der Name ist schlicht und ergreifend Programm. Ungemein spontan reagiert der Motor auf kleinste Änderungen der Gashand. Auf der Negativ-Seite stehen Lastwechselreaktionen, die der Fahrer durch Sensibilität kompensieren muss. Versteht es der Fahrer jedoch, das glasklare Feedback, dass Mann und Maschine schnell zu einem verschmelzen lässt, mit der recht spitzen Leistungscharakteristik zu vereinen, befindet er sich auf einer extrem hohen Evolutionsstufe. In Sachen Kraftstoffkonsum ist die Entwicklung an der Brutale jedoch scheinbar vorübergegangen. Unter 7,7 Liter je 100 Kilometer war sie definitiv nicht zu bewegen. Maximal waren´s gar 14,4, durchschnittlich 9,5 Liter Super. Das ist interner Redaktions-rekord. In Kürze soll ein neues Software-Update den Verbrauch drastisch senken. Man darf gespannt sein. Die Brutale ist ein Motorrad für Kenner und Könner. Dass sie ein Naked Bike mit Rohrlenker ist, sollte nicht darüber hinweg täuschen, dass sie im Grunde ihres Herzens ein reinrassiger Supersportler ist. Der Rest ist selbstklärend: Feinste Fahrwerkszutaten, individuell einstellbar und eine Verarbeitungsqualität, die ihresgleichen sucht. FAZIT Ein Motorrad wie die MV Agusta Brutale S überzeugt nicht durch kompromisshaltige Alltagsqualitäten, sondern durch ein Höchstmaß an Fahraktivität, Stabilität, edler Technik und bester Verarbeitung. Schon allein der Preis von rund 15.000 € schränkt den Käuferkreis ein. Trotzdem ist der Preis angesichts der gebotenen Technik und Exklusivität nicht wirklich überzogen. Dafür gibt es ein in allen Situationen unerschütterliches Fahrwerk und einen Motor, der über eine ungefilterte Rennmaschinen-Charakteristik verfügt und gefordert werden will. Mit dem breiten 190er-Michelin Sport Radial-Reifen auf der 6 Zoll breiten Hinterradfelge reagiert sie auf Bodenunebenheiten in Schräglage mit ausgeprägtem Aufstellmoment. Etwas weniger wäre sicher mehr gewesen. Der Faszination tut das jedoch keinen Abbruch, denn Massimo Tamburinis Kreation ist ein Meisterwerk des Motorradbaus. Fürs Wohnzimmer jedoch viel zu schade. Eine Brutale ist zum Fahren da. Dann kann sie brüllen, das Vorderrad stolz in die Höhe recken und um die Ecken brennen - und das auf höchstem Niveau.


Fahrbericht MV Agusta Brutale S Modell 2003
Zwei Sechskolben-Festsättel beißen vorn in 310 mm große Scheiben. Die Achsschnellverschlüsse der Upside-Down-Gabel begeistern schon im Stand.
motorrad-lifestyle.de
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